Vielfalt der Therapieziele

Vor dem Hintergrund der heterogenen Biographien, Krankheitsverläufe und funktionellen Beeinträchtigungen der Bewohnerinnen und Bewohner sind die individuellen Therapieziele entsprechend unterschiedlich auszurichten. Im Rahmen dieser Leistungsbeschreibung können daher nur übergeordnete, grundlegende Zielsetzungen benannt werden. Der Aufenthalt in der Einrichtung soll die Bewohner – orientiert an ihren jeweiligen Ressourcen und Einschränkungen – schrittweise dazu befähigen, ihre gesellschaftliche Teilhabe zu erweitern und ihre Integration in das soziale Umfeld zu verbessern.

Ein wesentlicher Schritt zur Zielerreichung besteht darin, den Realitätsbezug zu fördern, die Auseinandersetzung mit und Akzeptanz der eigenen Biographie zu unterstützen, Einsicht in die eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu ermöglichen und die Fähigkeit zur Entwicklung und Verfolgung eigener, realistischer Lebensziele zu stärken. Durch Förderung der Kontakt- und Beziehungsfähigkeit sowie durch die Steigerung der psychischen und sozialen Belastbarkeit sollen die Bewohner eine emotionale und soziale Reifung erfahren (soziotherapeutische Zielsetzung).

Für einen Teil der Bewohner bedeutet dies insbesondere, in den Aktivitäten des täglichen Lebens und in verschiedenen Lebensbereichen behutsam Fortschritte im selbstständigen Handeln zu erzielen. Bei Personen mit komorbider Suchterkrankung steht die Erarbeitung und Stabilisierung einer Abstinenzhaltung im Vordergrund. Für Bewohnerinnen und Bewohner, die aus einer forensischen Klinik übernommen wurden, liegt der Schwerpunkt zumeist auf der langfristigen Sicherstellung eines straffreien Lebensverlaufs und der Reduktion des Rückfallrisikos.

Diese unterschiedlichen Zielsetzungen werden durch ein Bündel abgestimmter Maßnahmen und Leistungen umgesetzt. Um Struktur, Orientierung und Verlässlichkeit zu vermitteln, kommt einer tagesstrukturierenden Gestaltung mit definierten Bezugspunkten und Aufgaben besondere Bedeutung zu. Im vollstationären Bereich sind Tagesstruktur und Bezugspunkte dabei in der Regel stärker vorgegeben und klarer konturiert als im Rahmen des ambulant betreuten Wohnens.

Beispielhafte Ziele (Forensik)

1. Legalprognose / straffreies Leben

  • Kurzfristiges Ziel (z. B. innerhalb von 3 Monaten):
    Der Bewohner nimmt ab Aufnahme für mindestens drei Monate kontinuierlich an allen verpflichtenden forensischen Einzel- und Gruppengesprächen teil (z. B. wöchentlich), bringt eigene Delikt- und Risikofaktoren aktiv ein und reflektiert diese im Rahmen des Therapieverlaufsprotokolls.
    – Spezifisch: Teilnahme an klar definierten forensischen Gesprächen mit Deliktfokus
    – Messbar: Dokumentierte Teilnahmequote, Sitzungsprotokolle
    – Realistisch: In den bestehenden Therapieplan integrierbar
    – Terminiert: 3‑Monats‑Zeitraum

  • Mittelfristiges Ziel (z. B. innerhalb von 6–12 Monaten):
    Der Bewohner benennt in einem strukturierten Deliktbearbeitungsgespräch mindestens drei individuelle Risikosituationen und drei konkrete, alltagsnahe Strategien zum Rückfallmanagement und setzt diese im Rahmen von begleiteten Ausgängen erkennbar um (Dokumentation im Verlaufsbericht).

  • Langfristiges Ziel (z. B. über 24 Monate):
    Über einen Zeitraum von mindestens 24 Monaten kommt es zu keinem strafrechtlich relevanten Rückfallereignis und alle gerichtlichen Weisungen wurden erfüllt; im Rahmen der regelmäßigen Berichte an die forensische Klinik/Bewährungshilfe wird eine stabile Deliktabstinenz dokumentiert, die auch von externen Stellen (z. B. Bewährungshilfe) bestätigt wird.

2. Umgang mit Aggression und Impulsivität

  • Kurzfristiges Ziel:
    Innerhalb der ersten 8 Wochen erarbeitet die Bewohnerin/der Bewohner gemeinsam mit dem Behandlungsteam ein individuelles Krisen- und Deeskalationsschema (z. B. Frühwarnzeichen, Notfallstrategien, Ansprechpersonen) und kann dieses im Rahmen von zwei Rollenspielsituationen anwenden.
  • Mittelfristiges Ziel:
    Innerhalb von 6 Monaten reduziert sich die Anzahl dokumentierter aggressiver oder massiv konfliktbelasteter Situationen (z. B. verbale Eskalationen, Regelverstöße) im Wohngruppenkontext im Vergleich zu den ersten 6 Wochen des Aufenthalts deutlich (z. B. um mindestens 50 %), wie im QM-Bericht festgehalten.
  • Langfristiges Ziel:
    Es treten über einen Zeitraum von 12 Monaten keine situationsbedingten Fremdgefährdungen oder gravierenden Regelverstöße mehr auf; die Bewohnerin/der Bewohner kann in mindestens drei dokumentierten

    Fallbeispielen alternative, sozial verträgliche Konfliktlösestrategien darstellen.

3. Sucht/Abstinenz (bei komorbider Suchterkrankung)

  • Kurzfristiges Ziel:
    Innerhalb der ersten 4 Wochen erstellt die Bewohnerin/der Bewohner zusammen mit der Bezugstherapeutin/dem Bezugstherapeuten einen individuellen Suchtanamnese- und Auslöserplan und nimmt zuverlässig an den vereinbarten suchttherapeutischen Gruppenangeboten teil.

     

  • Mittelfristiges Ziel:
    Innerhalb von 12 Monaten bleibt die Bewohnerin/der Bewohner in allen vertraglich vereinbarten Suchtkontrollen (z. B. Urinscreenings, Atemalkoholtests) substanzfrei; etwaige Ausnahmen werden im Krisenplan aufgegriffen und führen zu einer Anpassung des Behandlungsplans.

     

  • Langfristiges Ziel:
    Über einen Beobachtungszeitraum von mindestens 18–24 Monaten gelingt die Aufrechterhaltung der Abstinenz; die Bewohnerin/der Bewohner kann mindestens zwei alternative Copingstrategien benennen und anwenden, um typische Risikosituationen (z. B. Frustration, Konflikte, Einsamkeit) ohne Substanzkonsum zu bewältigen.

4. Tagesstruktur und Compliance

  • Kurzfristiges Ziel:
    Innerhalb der ersten 4 Wochen nimmt die Bewohnerin/der Bewohner an mindestens 80 % der individuell vereinbarten Tagesstrukturangebote (z. B. AT/BT, Gruppenangebote, Hausdienste) teil; Abweichungen werden im Team reflektiert und dokumentiert.

     

  • Mittelfristiges Ziel:
    Innerhalb von 6 Monaten stabilisiert sich die Teilnahmequote an der Tagesstruktur auf mindestens 90 %; parallel dazu hält die Bewohnerin/der Bewohner die verordneten Medikamente gemäß ärztlicher Anordnung ein (Dokumentation in der Medikamenten- und Verlaufsdokumentation).

     

  • Langfristiges Ziel:
    Der Bewohner übernimmt zunehmend eigenverantwortlich Terminorganisation, Tagesplanung und Medikamentenmanagement, sodass eine Überführung in weniger intensive Wohn- oder Betreuungsformen (z. B. ambulant betreutes Wohnen) fachlich
    vertretbar geprüft werden kann.